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Industrie 4.0 für Deutschland: Hardware und Software verschmelzen!
Einleitung
Das Magazin „Bild der Wissenschaft“ bezeichnete Prof. Gisela Lanza als die „120-Prozent-Frau“. Mathematisch mag das fragwürdig sein. Doch ohne jeden Zweifel gehört die promovierte Wirtschaftsingenieurin seit Jahren zu den führenden Köpfen in Deutschland, die sich mit dem Themenfeld „Industrie 4.0“ beschäftigen.
Gestern Brasilien, heute Deutschland, morgen China: Prof. Gisela Lanza ist unterwegs in der ganzen Welt. Seit 2009 ist sie die Direktorin des „Global Advanced Manufacturing Institute (GAMI)“ in Suzhou, China. Bereits seit 2008 leitet sie den Bereich Produktionssysteme des Instituts für Produktionstechnik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT). Wenn es also um Fragen der industriellen Produktion von heute und morgen geht, hat sie die globale Perspektive. Aus dieser fällt ihr Blick auf die deutsche Wirtschaft ausgesprochen positiv aus: „Unsere industrielle Produktion hat ein gesundes Maß. Das hat sich in der Krise von 2009 nur allzu deutlich gezeigt; wir haben diese weitaus besser gemeistert als andere Länder. Dabei müssen wir gar nicht mal in die Ferne schauen – auch andere Volkswirtschaften in Europa sind in dieser Hinsicht nicht so gut aufgestellt.“ Die Aufgabe für die Zukunft ist für die 43-jährige Wissenschaftlerin klar: „Jetzt gilt es, die Wettbewerbsfähigkeit unserer Industrie auch im Digitalzeitalter zu erhalten.“
Befragt nach dem Stand der Industrie 4.0 in Deutschland im Vergleich zur aufstrebenden Wirtschaftsmacht China nennt Prof. Lanza grundlegende Unterschiede: „In China liegen angesichts dort steigender Lohnkosten und des Entwicklungsstandes des produzierenden Gewerbes die Schwerpunkte eindeutig bei der Automatisierung und Rationalisierung einzelner Produktionsschritte. In Deutschland hingegen geht es darum, mit Hilfe digitaler Technik den gesamten Prozess der Wertschöpfung zu betrachten, zu analysieren, zu optimieren und zu synchronisieren.“ Eine wichtige Grundlage hierfür seien umfassend und gut ausgebildete Frauen und Männer, vom Facharbeiter in der Produktion über die Ingenieurin bis ins Management.
Die Arbeitsfelder in der Industrie, davon ist Prof. Lanza überzeugt, werden im Fortschreiten der Digitalisierung immer komplexer werden: „Der Facharbeiter, der heute eine Maschine überwacht und bedient, wird schon bald eine ganze Produktionslinie betreuen. Der Werkmeister, der diese Aufgabe heute noch hat, wird dann für ein ganzes Werk zuständig sein.“ Doch auch Geringqualifizierte werden in der Industrie 4.0 Arbeit haben: „Die digitale Technik kann für solche Beschäftigte wertvolle Unterstützung und Anleitung geben.“ Auf jeden Fall werde der Mensch auch in der digitalen Fabrik von morgen keineswegs überflüssig sein: „Insbesondere, wenn Störungen oder Fehler auftreten, ist menschliche Kreativität unentbehrlich. Diese kann sich umso mehr entfalten, je mehr Informationen digital verfügbar sind.“
Die Prozessorientierung, also die digitale Verzahnung von Produktionsschritten, -prozessen und -ketten zu einer Einheit ist für Prof. Lanza von existenzieller Bedeutung für das Industrieland Deutschland: „Wenn es nur um die umfassendere und effizientere Erhebung und Verarbeitung von Daten geht, dann sehen wir uns einer ernsthaften Bedrohung gegenüber. Wir sind traditionell erfolgreich in der physischen Welt. Daher muss es uns darum gehen, Hardware und Software zu verschmelzen. Die treibende Kraft in dieser Entwicklung muss dabei unser produzierendes Gewerbe sein.“
Prof. Gisela Lanza bringt seit der Gründung der Plattform Industrie 4.0 – einem Netzwerk von Wirtschaft, Wissenschaft, Verbänden, Politik und Gewerkschaften zum Thema Digitalisierung – ihren Sachverstand und ihre Tatkraft in den Forschungsbeirat der Plattform ein. „Wir Wissenschaftler haben in der Plattform Industrie 4.0 verschiedene beratende Aufgaben: Wir schauen, welche Erkenntnisse, welches Wissen verfügbar ist, bündeln dieses und speisen es in die Arbeit ein. Dabei erkennen wir, wo noch weiterer Forschungsbedarf besteht, und teilen diesen den Entscheidungsträgern in Wissenschaft, Politik und Verwaltung mit.“