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„Wir sind stark in Bezug auf Industrie 4.0 und beim Internet der Dinge“
Einleitung
Als Leiter des Fraunhofer-Instituts für Software- und Systemtechnik ISST in Dortmund arbeitet Prof. Dr.-Ing. Boris Otto daran, das Institut als Innovationspartner für die Digitalisierung der Wirtschaft und die Datenökonomie kontinuierlich weiterzuentwickeln. Der Schwerpunkt liegt auf digitalen Geschäftslösungen zum Beispiel für die Logistik, das Gesundheitswesen und die Datenwirtschaft.
Er ist ganz nah dran am aktuellsten Forschungsstand in der Plattformökonomie: Prof. Dr.-Ing. Boris Otto ist Inhaber des Lehrstuhls „Industrielles Informationsmanagement“ an der TU Dortmund und geschäftsführender Institutsleiter am Fraunhofer ISST in Dortmund. Zudem leitet er für die Fraunhofer-Gesellschaft die strategische Forschungsinitiative „International Data Spaces (IDS)“ und ist auch stellvertretender Vorstandsvorsitzender des gleichnamigen Anwendervereins. Das Besondere an digitalen Plattformen sei, dass die traditionell zeitliche Reihenfolge von erstens Innovation auf Basis von Investitionen und zweitens Nutzung im Markt nicht mehr greife. „Plattformen gehen direkt an den Markt, die Innovation erfolgt ‚on the fly‘ agil ohne große Anfangsinvestition - Nutzung und Innovation passieren faktisch gleichzeitig im Zusammenspiel verschiedener Akteure“, sagt er.
Prof. Ottos Forschungsschwerpunkte liegen auf den Gebieten des Datenmanagements, der Geschäftsökosysteme sowie der Entwicklung datengetriebener Geschäftslösungen. Auf dem Digital-Gipfel wird er u. a. über die Bedeutung von Datensouveränität für die Unternehmen und Bürger in Deutschland und Europa sprechen. Er ist überzeugt, dass Konkurrenten in plattformbasierten Ökosystemen künftig stärker kooperieren. „Wir werden zunehmend Co-opetition-Modelle sehen, wie es sie schon mit HERE in der Automobilindustrie und mit Skywise in der Luftfahrtbranche gibt. Deutsche Unternehmen müssen die neue Geschäftsmechanik der Plattformökonomie verstehen, um für sich die bestmögliche Wettbewerbsposition zu definieren.“ Entscheidend sei es, vorhandene Stärken in der Produktentwicklung und Produktion mit den Möglichkeiten der Digitalisierung zu neuen Geschäftsmodellen zu verbinden.
Traditionelle Branchengrenzen lösen sich auf
Sprunginnovationen kämen branchenübergreifend - Beispiele seien Mobilität, Energie, Smart City. „Zukünftig sprechen wir nicht mehr von der Automobilindustrie, sondern von der Mobilitätsbranche.“ Am Beispiel Mobilität zeige sich, dass Akteure vormals unterschiedlicher Branchen nun zusammenarbeiten müssten: Autohersteller, Carsharing-Firmen, Energieunternehmen, Kommunen etc. „Die Frage wird sein: Wer bietet die Plattform, auf der diese Interaktionen koordiniert und orchestriert werden?“
Befragt nach der Position von Deutschland und Europa im globalen Wettbewerb, sieht er diese im Business-to-Consumer-Markt in einem strategischen Nachteil – unterschiedliche gesetzliche Rahmenbedingungen und eine weniger ausgeprägte Venture-Capital-Branche als zum Beispiel in den USA erschwerten die Skalierung von Plattformen. Pessimistisch ist Prof. Otto deshalb nicht: „Deutschland und Europa haben mitnichten den Kampf um die Digitalisierung verloren. Wir sind stark in Bezug auf Industrie 4.0, beim Internet der Dinge und bei eingebetteten Systemen – kurz: im Business-to-Business-Umfeld.“ Diese Stärke verbunden mit dem „Schatz“ an industriellen Daten - aus der Produktion, aus der Nutzung der Produkte beim Kunden etc. - müssten wir nutzen: „Die deutschen Unternehmen müssen selbst die Plattform betreiben wollen und sich nicht damit zufrieden geben, eine App zu sein.“
Wie können Deutschland und Europa aufholen? „Wir müssen uns unserer Stärken bewusst sein. Unternehmen müssen verstehen, dass Daten einen Wert haben, weswegen sie nicht einfach kosten- und sorglos für Plattformen verfügbar gemacht werden dürfen.“ Beim wichtigen Thema Datensouveränität sieht Prof. Otto die IDS-Initiative als Schritt in die richtige Richtung. „Wir sollten auch darüber nachdenken, einen regulatorischen Rahmen für Datensouveränität innerhalb des digitalen Binnenmarkts sowie eigene Ansätze in Bezug auf Cloud-Infrastrukturen zu schaffen. Es kann nicht sein, dass wir durch Entwicklungen wie den US-Cloud-Act u. ä. die Souveränität darüber verlieren zu entscheiden, wer Zugang zu unseren Daten hat. Deshalb sind Initiativen wie GAIA-X sehr wichtig und auch dringlich. Der nächste Schritt muss sein, diese Entwicklungen mit bestehenden Initiativen (wie die der IDS) zu verbinden und dann in Europa gemeinsam auf das nächste Level zu heben.“